Wohnraum schaffen, aber wie? Die Rahmenbedingungen müssen stimmen

Interview mit dem Ökonomen Dr. Klaus Wiener

Herr Dr. Wiener, wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Folgen der Krise? Welche Auswirkungen sind gerade mit Wirkung für den sozialen Bereich zu befürchten?

Icon InterviewsDies ist eine der schwersten Krisen der Nachkriegsgeschichte. Und wir befinden uns mittendrin. Die Folgen, da bin ich mir sicher, werden noch lange spürbar sein. Eines der größten Probleme sind die hohen finanziellen Kosten der Krise und ihre Bewältigung. Die öffentliche Verschuldung ist im Zuge der Krise in vielen Ländern stark angestiegen, Tendenz weiter steigend. Deutschland ist mit knapp 60% gemessen am Bruttoinlandsprodukt noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau gestartet. Aber schon zum Jahresende 2020 waren 73% erreicht. In einzelnen Ländern wie Italien und Griechenland liegt die Verschuldung inzwischen bei 160% bzw. 200%, so dass die durchschnittliche Verschuldung im Euroraum die Marke von 100 % überschritten hat.

Das ist schon enorm, und natürlich schränkt dies unsere zukünftigen finanzpolitischen Handlungsspielräume ein. Dies wird für alle spürbar werden, insbesondere aber für die junge Generation, denn geringere Investitionen in Infrastruktur und Bildung werden das Trendwachstum dämpfen. Wie wichtig diese Investitionen gerade jetzt jedoch wären, erleben wir am Beispiel des Online-Lernens, wo die Umstellung bislang nur sehr bedingt geklappt hat.

Wie wirken sich Coronakrise, Niedrigzinsumfeld und der gestiegene gesellschaftliche Druck, sich im Bereich Klimaschutz stärker als bislang zu engagieren, auf die Anlagestrategie von professionellen Kapitalanlegern aus?

Grundsätzlich findet im aktuellen Niedrigzinsumfeld, das durch die Krise noch einmal sehr viel länger dauern dürfte, kein dramatischer Wechsel in der Anlagestrategie statt. Professionelle Investoren passen die Portfolien an die geänderten Rahmenbedingungen an, d. h. sie nehmen mehr Risiko in Kauf, tun dies aber mit Augenmaß. Die Anlagestrategien hoch regulierter Investoren waren meines Wissens bis zuletzt nicht von einer übermäßigen Suche nach Rendite geprägt.

Das Thema Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage hat für alle institutionellen Investoren an Bedeutung gewonnen, so auch für die Versicherungswirtschaft. Wir wissen alle: Das Thema Klimawandel drängt, da müssen wir vorankommen. Es ist jedoch ebenfalls ganz wichtig, dass institutionelle Investoren Anlagefreiheit behalten. Diese wird ja übrigens auch gesetzlich eingefordert, denn laut Versicherungsaufsichtsgesetz müssen die Anlagen der Versicherer sicher, liquide und rentabel sein.

Das bedeutet auch, dass eine konsequente Risikoorientierung erforderlich ist. Was aus gesellschaftspolitischer Sicht sinnvoll erschein mag, kann aus Anlagesicht ein hohes Risiko darstellen. Hierzu ein Beispiel: Wenn Sie vor zehn Jahren in einen Aktienindex bestehend aus Solaranlagenbauern investiert hätten, dann hätten sie heute den weit überwiegenden Teil Ihres Geldes verloren – und das obwohl wir uns doch alle einig sind, dass Solaranlagen wichtig für die Energiewende sind. Ob dies dann auch ein werthaltiges Investment ist, kann eine ganz andere Frage sein.

Zu bedenken ist aber auch, dass Anlagen in nachhaltige Investments jederzeit veräußerbar sein müssen. Eine Gefahr ist doch, dass Investoren unter gesellschaftlichen Druck geraten könnten, wenn sie sich aus reinen Anlagegründen oder aus reinen Sicherheitserwägungen heraus z.B. von grünen Bonds trennen wollen.

Wichtig wäre zudem, nicht nur über Sustainable Finance und den Finanzsektor nachzudenken, sondern sehr stark die Realwirtschaft einzubeziehen, und da insbesondere über die CO2-Bepreisung. Ich fände es sehr wichtig, hier mehr über zukunftsfähige Konzepte nachzudenken, die den CO2-Ausstoß reduzieren. Hierzu brauchen wir viel mehr Wissenschaft, Forschung und Innovation. Übrigens: Solche Konzepte gehören, wie auch andere sensible gesellschaftliche Themen, nicht nur in technische Expertengruppen, sondern in die Parlamente. Nur so erfahren sie eine demokratische Legitimation und mehr Akzeptanz. Gerade für Themen wie Nachhaltigkeit ist das aus meiner Sicht ganz entscheidend.

Stichwort Wohnungsnotstand. Professionelle Kapitalanleger investieren gerne in sichere und renditestarke Immobilien. Die Immobilienpreise sind in den letzten Jahren stark angestiegen. Was sind Ihrer Meinung die Ursachen und wer trägt Ihrer Meinung nach die Verantwortung für diese Entwicklung?

In der Tat glaube ich: Was wir gerade bei den Immobilienpreisen sehen, hängt mit dem Anlagenotstand zusammen, den wir haben, seitdem die Notenbanken mit den Null- und Negativzinsen den Zins quasi abgeschafft haben. In der Folge steigen eben die Werte nahezu aller Vermögenswerte. Das ist nicht nur bei Aktien so, sondern auch bei Unternehmensanleihen oder bei den Preisen für digitale Währungen wie z. B. der Bitcoin. Selbst die Preise für Oldtimer steigen. Ich glaube, dies hängt sehr stark damit zusammen, dass aufgrund der fehlenden Zinsen alternative Anlageformen gesucht werden.

Zunächst ist es für den Immobilienbereich nicht unbedingt etwas Schlechtes, wenn sehr viel Kapital in diesen Sektor fließt. Schließlich wird ja Kapital gebraucht, um neuen Wohnraum schaffen zu können. Problematisch ist es nur dann, wenn die Bewertungen so stark steigen, dass sie sich von den anderen realen Größen einer Volkswirtschaft lösen, so auch vom Realeinkommen der Menschen. Das darf nicht passieren. Deshalb ist hier die Geldpolitik in der Verantwortung. Meines Erachtens muss man eine klare Ausstiegsstrategie für die Zeit nach der Krise formulieren. Aus meiner Sicht hat sie das in den Jahren nach den Krisen von 2008 und 2012, als es wirtschaftlich nach oben ging, verpasst. Ich glaube, in der jetzigen Krise muss sehr viel klarer gemacht werden, dass diese besonderen Maßnahmen und das daraus resultierende extreme Zinsumfeld kein Dauerzustand sein können.

Und ich finde, der Staat muss gute Rahmenbedingungen setzen, damit gebaut wird – Stichwort Mietendeckel in Berlin. Das sehe ich etwas kritisch, weil sich zeigt, dass jetzt weniger gebaut wird als vorher. Also, gute Rahmenbedingungen sind wichtig. Übrigens auch, was die Qualität des Bauens angeht. Ich habe selbst einmal in den USA gelebt. Dort wird ein Haus für ein, zwei Generationen gebaut. Wir bauen hingegen für zehn Generationen. Das macht das Bauen natürlich auch teuer.

Stichwort Kooperationen und Finanzierung von sozialen Projekten z. B. zur Verbesserung der sozialen Wohnsituation in Deutschland: Sehen Sie hier auch ein Handlungsfeld institutioneller Investoren zur Stärkung der sozialen Infrastruktur? Welche Erwartungen haben Sie an die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Trägern und Einrichtungen der Diakonie?

Aus meiner Sicht haben institutionelle Investoren bei der Zusammenarbeit mit Trägern gemeinnütziger Einrichtungen eigentlich keine besondere Erwartung. Eingangs sagte ich, dass institutionelle Investoren im Interesse der Kunden verpflichtet sind, die verwalteten Gelder sicher, rentabel und liquide anzulegen. Entscheidend ist deswegen immer, dass solche Projekte professionell gemanagt werden und mit einer gewissen Rendite-Chance verbunden sind. Dies bedeutet aber nicht, dass hier Renditeerwartungen im oberen einstelligen oder gar zweistelligen Prozentbereich an der Tagesordnung wären. Insbesondere bei Fremdkapitalfinanzierungen, bei denen die gemeinnützigen Träger Eigentümer des Objekts bleiben, sind Risikoaufschläge im unteren einstelligen Prozentpunktebereich die Norm.

Ich denke, dass es durchaus Schnittmengen gibt zwischen institutionellen Investoren und gemeinnützigen Einrichtungen. Das Stichwort „Soziale private Partnerschaften“, analog zum Modell der öffentlich-privaten Partnerschaften, beschreibt es ganz gut. Meines Erachtens gibt es gibt jede Menge Vorteile, wenn Investoren, Bauträger und gemeinnützige soziale Einrichtungen sich für Projekte zusammentun, und zwar von der Planung über die Realisierung bis möglicherweise hin zum Betrieb. Da geht es eben auch darum, fehlendes Know-how bereitzustellen, um Projektplanung und -durchführung zum Erfolg zu führen.

Was sicher nicht funktionieren wird, ist die Erwartung, dass die großen Kapitalsammelstellen das Geld zu Konditionen bereitstellen, die deutlich geringer sind als das, was der Markt bereitstellt. Alle Projekte, die gemeinsam angegangen werden, müssen schon marktüblich verzinst werden.

Vielen Dank, Herr Dr. Wiener, für das Interview.


Dr. Klaus Wiener hat bei führenden Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche im Bereich der institutionellen Vermögensanlage gearbeitet. Insgesamt verfügt er über knapp 30 Jahre Berufserfahrung als Geschäftsführer und Chefvolkswirt. Einen Großteil seiner akademischen Ausbildung absolvierte er in den USA, wo er an der University of Georgia, der ältesten staatlichen Universität in den USA, ein Ph.D.-Programm absolvierte.

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