Seenotrettung: „Es ist extrem wichtig, dass die Diakonie weiter Haltung bezieht.“

Interview mit Liza Pflaum (Bewegung "Seebrücke. Schafft sichere Häfen")

Frau Pflaum, wohin steuern wir im Themenfeld Migrationspolitik in den nächsten fünf Jahren?

Icon InterviewsAusgehend von den letzten Jahren muss ich sagen: Es geht leider nicht in die richtige Richtung. Vielmehr müssen wir im Gegenteil starke Verschärfungen beobachten, sowohl im deutschen Kontext als auch natürlich auf europäischer Ebene. Wie sich die Migrationspolitik in den kommenden Jahren entwickeln wird, hängt unter anderem davon ab, wie nach der Bundestagswahl im September die Bundesregierung zusammengesetzt sein wird. Und ob es die zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen schaffen, das Thema proaktiv zu besetzen und eine Vision von solidarischer Migrationspolitik sichtbar zu machen. Denn in den letzten Jahren haben die Politik und auch größere Organisationen das Themenfeld meiner Meinung nach zu sehr dem rechten Lager überlassen. Auf die lauten Stimmen von rechts wurde stark gehört. Das hat deren Hetze noch gefördert.

Porträt Liza PflaumWelche Rolle spielt die evangelische Kirche?

Die evangelische Kirche und damit die Diakonie haben eine extrem wichtige Rolle, hier Standpunkte zu beziehen. In den letzten Jahren ist es ihnen gelungen, sich im Kontext der Migration deutlich zu positionieren, wie es der gemeinsame Brief an Angela Merkel, der Anschluss an das Bündnis United4Rescue und der Einsatz eines eigenen Rettungsschiffs gezeigt haben. Da haben sie klar Haltung bezogen. Das hat dazu beigetragen, dass sowohl die Seenotrettungsaktionen als auch die Seebrücke heute nicht mehr als Randerscheinungen wahrgenommen werden, sondern eine viel breitere Unterstützung erfahren. Einerseits haben die Bewegungen das erreicht. Andererseits war die Unterstützung kirchlicher Organisationen wie der Diakonie, die sich hinter die Bewegungen gestellt haben, wichtig, um die Aufmerksamkeit zu verstärken.

Wie kann die Diakonie weiterhin als starker Partner für die Bewegungen im Migrationsbereich agieren?

Es ist extrem wichtig, dass die Diakonie weiter Haltung bezieht. Ich denke, dass die Diakonie hin und wieder in Interessenskonflikte kommt. Schließlich ist sie finanziell stark abhängig von öffentlichen Geldern und Regierungshandeln. Da spüre ich manchmal eine zu zögerliche Haltung, wenn es um Fragen der Migrationspolitik geht, und auch eine Angst, zu forsch aufzutreten und zu weite Forderungen zu stellen. Aber wir sind hier in einer Situation, in der die Rechtsstaatlichkeit so stark unterlaufen wird, dass es aus meiner Sicht gerade für Organisationen wie die Diakonie extrem wichtig ist, ganz klar diejenigen Bewegungen zu unterstützen, die für die Wahrung der Menschenrechte eintreten. Diese Haltung sollten sie dann auch bis an die Basis weitergeben, damit weite Kreise der Gesellschaft und nicht nur politisch eher links orientierte Menschen wahrnehmen, dass es sich bei der Seenotrettung um die Verwirklichung der Grundwerte unserer Gesellschaft handelt.

Die Seebrücke als Bewegung hat immer wieder mit Landesverbänden und lokalen Einrichtungen der Diakonie zu tun. Das diakonieinterne Weitertragen dieser Fragen, vom Bundesverband bis zur lokalen Ebene, hat viel Potential. Lokale Diakonie-Verbände und Kirchenkreise sind wichtige Player, die zwischen aktivistischen Gruppen und Kommunalverwaltungen vermitteln und eine Verbindung schaffen können. Diese Aufgabe sollte innerhalb der Diakonie nicht an engagierten Einzelpersonen hängen bleiben, sondern in der Breite vom Bundesverband gesteuert werden. Ebenfalls wichtig ist eine starke Medienpräsenz, um eine gemeinsame, breitere Gegenstimme zu erzeugen, die sich für eine solidarische Migrationspolitik ausspricht.

Worin sehen Sie in den nächsten fünf Jahren die Herausforderung für die Diakonie?

Viele Akteure verpassen es, das Thema Migration aktiv zu besetzen – sowohl Organisationen der Zivilgesellschaft als auch Parteien und Politiker*innen. Diese verfolgen eher eine Vermeidungsstrategie und versuchen, besser gar nicht über Migration zu reden, da sie denken, mit dem Thema sei nichts zu gewinnen.  Auch die Diakonie ist meiner Meinung nach zum Teil nicht mutig genug. Bei vielen Themen habe ich das Gefühl, dass es eine große Angst gibt, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Selbst bei grundlegenden Themen, bei denen wir davon ausgehen, dass ein evangelischer Verband da in vorderster Reihe stehen müsste. Ich denke, das Thema Migration braucht unbedingt eine positive, solidarische Vision und proaktives Handeln. Das ist das einzige wirklich wirksame Mittel gegen die Rechten, die das Thema massiv besetzt haben, Angst schüren, Falschinformation verbreiten usw.

An den aktuellen Umfragezahlen, beispielsweise im Kontext der Lager auf der Insel Lesbos, sehen wir, dass eine Mehrzahl für eine Aufnahme von Geflüchteten ist und auch einen Alleingang von Deutschland für möglich hält. Dafür braucht es Organisationen und Politiker*innen, die das Thema besetzen und überlegen, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen. Migration ist kein neues Phänomen. Im Anblick der vielen Konflikte weltweit ist zu erwarten, dass es uns auch in Zukunft beschäftigen wird, dass Menschen migrieren und fliehen.

Wie kann Migration so funktionieren, dass tatsächlich die Rechte der Menschen, die fliehen, gewahrt werden? Wie können wir es anpacken, dass die Migrationsfrage eben nicht einem rechten Diskurs überlassen wird, sondern als etwas Positives besetzt ist? Ich glaube, die Antworten auf diese Fragen entscheiden, wo wir in fünf Jahren beim Thema Migrationspolitik stehen. Die Herausforderung ist, politischen Zusammenhalt zu schaffen, nicht zu polarisieren, vor der Regierung nicht einzuknicken und klar und mutig für die eigene Haltung einzutreten.


Liza Pflaum ist Aktivistin im Bereich Migration. Im Sommer 2018 war sie Mitgründerin des internationalen zivilgesellschaftlichen Bündnisses Seebrücke. Schafft sichere Häfen, für das sie seit Ende 2018 hauptamtlich arbeitet. Dort ist Liza Pflaum für Advocacy, Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen verantwortlich und hat wiederholt mit Akteuren aus dem Bereich der Diakonie zusammengearbeitet.

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