"Wir haben eine gesellschaftliche Situation, die sich deutlich verändert hat."

Interview mit Frank Dieckbreder (Diakonieverbund Schweicheln)

Herr Professor Dieckbreder, mit zweieinhalb Fragen möchte ich erfahren, was für Sie die drängendsten Themen der Zukunft der Diakonie sind.
Seit 2010 sind Sie Professor an der FH der Diakonie in Bielefeld und waren dort Leiter des Studiengangs „Diakonie im Sozialraum“. Die Absolvent*innen des Studiengangs übernehmen in den komme
nden fünf Jahren zunehmend Verantwortung. Was ändert sich durch die frischen Köpfe?

Icon InterviewsIn den Organisationen der Diakonie ändert sich, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, die Arbeit anders definiert, als so alte Menschen wie ich das tun. Das heißt, die Arbeit steht für sie nicht mehr im Fokus und sie legen Wert auf so etwas wie Feierabend.

Die Tatsache jedoch, dass sie sehr schnell in Verantwortungspositionen kommen, die mit Führungsaufgaben verbunden sind, kommt aus meiner Sicht zu schnell. Denn in letzter Konsequenz entscheiden sie sich für uns, weil sie im Grunde selbst Halt suchen. Sie suchen nach Orientierung in einer großen Organisation wie unserer. Was wir lernen: Es gibt einen anderen Umgang mit Arbeit. Porträt Frank Dieckbreder

Auf der anderen Seite ist es für die jungen Menschen ganz wichtig, dass sie selbst so etwas wie Kontinuität und Durchhalten lernen. Viele der Menschen, die wir unterstützen, brauchen von sozialer Arbeit genau diese Bestärkung, weil ihre Probleme daraus resultieren, dass sie selbst nicht über den notwendigen Halt, über Bindungen und so weiter verfügen.

Das Motto des Diakonieverbunds Schweicheln, dessen Vorstand Sie sind, lautet: „Vielfalt gemeinsam gestalten“. Was ist die besondere Herausforderung beim Thema Vielfalt für soziale Organisationen, und was ist konkret zu tun?

Zunächst gehen wir einfach mal davon aus, dass jedes Individuum sich vom anderen unterscheidet. Das ist auch notwendig, sonst können wir unser Gegenüber ja nicht erkennen.

Wir haben eine gesellschaftliche Situation, die sich deutlich verändert hat gegenüber der Zeit, zu der die meisten diakonischen Organisationen gegründet wurden. Das heißt im Wesentlichen, dass wir in einer diversifizierten Gesellschaft leben, beispielsweise, was Religiosität betrifft. Die ist für uns als diakonische Träger natürlich zutiefst relevant, denn besonders in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ haben wir versucht, Menschen mit anderen Religionen zu unterstützen. Diese Menschen haben uns daran erinnert: Was ist eigentlich unsere eigene Identität?

Um auch weiterhin in dieser multireligiösen Gesellschaft tätig sein zu können, erinnert das Motto „Vielfalt gemeinsam gestalten“ daran, dass das Christentum eine Religion ist, die Wert legt auf Toleranz. Diese Toleranz müssen wir klar kommunizieren und regeln, nicht ausschließlich in Bezug auf die Adressat*innen unserer Arbeit, sondern auch in Bezug auf die Mitarbeitenden in unseren Organisationen. Das Soziale als Aufgabe zu begreifen, braucht das Fundament des christlichen Glaubens, um denjenigen ein Gegenüber darstellen zu können, die eine andere Religion haben.

Der Weg wird sein, eine Mischung zu finden: Die Identität als christliche Organisation zu bewahren und zugleich über die integrative Kraft zu verfügen, in der eigenen Organisation auch solche Menschen zu haben, die einer anderen Religion angehören.

Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: Zum 175. Diakonie-Jubiläum im Jahr 2023 sollte der Verband...

... existieren.

Zum Abschluss noch eine halbe Frage: Und sonst so?

Na gut, das ist ja herrlich. Wir kommen nicht umhin, permanent über diese Coronakrise zu sprechen: Bei allen operativen Notwendigkeiten, die bedeuten: Jetzt müssen wir klarkommen. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir Menschen nicht verlieren.

„Und sonst so“ – es ist aber ganz entscheidend, dass wir uns daran erinnern, dass dieses Corona irgendwann vorbei ist. Wir müssen permanent im Blick behalten, dass sich die Welt weiterdreht. Wir müssen eben auch über Corona hinaus denken und handeln, damit wir nicht mit einer Wucht getroffen werden von den eigentlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen.

Im Allgemeinen würde ich echt ganz gerne mal wieder erfahren, wie es eigentlich den Menschen auf der Welt geht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Prof. Dr. phil. Frank Dieckbreder ist Diplom-Pädagoge und Sozial- und Gesundheitsmanager M.A. Als hauptamtlicher Vorstand des Diakonieverbunds Schweicheln e.V. ist er schwerpunktmäßig für die pädagogische Arbeit einschließlich der Konzeptentwicklung und -umsetzung in den Einrichtungen und Gesellschaften des Diakonieverbunds zuständig. An der FH der Diakonie in Bielefeld lehrt Herr Dieckbreder als Honorarprofessor mit dem Schwerpunkt Management. Insgesamt ist er seit über 25 Jahren in verschiedenen Arbeitsfeldern der Diakonie tätig.

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