„Die Gesellschaft hat die Welt der behinderten Menschen bisher nicht verinnerlicht und verstanden.“

Interview mit Marion Linder, Vorsitzende des Beirats der Angehörigen und gesetzlichen Betreuer/innen im BeB

Frau Linder, die Corona-Pandemie hat unser Leben stark verändert: Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Veränderungen und Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen?

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Die Beschränkungen im Umgang mit beeinträchtigten Menschen und die fehlenden Kontaktmöglichkeiten gerade zu Beginn der Pandemie waren und sind weiterhin eine große Belastung. Durch den eingeschränkten Zugang in den Sondereinrichtungen und Altersheimen verlieren die Angehörigen das Vertrauen.

Sorge bereitet mir auch im zweiten Jahr der Pandemie die Versorgung von Menschen mit Behinderung mit den notwendigen Schutzausrüstungen und die Sicherung ihrer Arbeitsplätze. Man muss ihnen weiterhin die Wahl lassen, ob sie während der Pandemie in der Werkstatt oder zu Hause bzw. in der Einrichtung arbeiten möchten. Die schulische Bildung muss auch in den Förderschulen weiterhin gewährleistet werden, im Präsenzunterricht bzw. über die digitale Ausstattung der Schüler*innen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten sozialpolitischen Herausforderungen und Ziele der nächsten Jahre?

Das Größte wäre, wenn tatsächlich die Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft angekommen wären und so akzeptiert würden, wie sie sind. Mit all ihren Stärken und Schwächen. Die inklusive Gesellschaft sollte Wirklichkeit geworden sein. Um dies zu erreichen, muss die Gesellschaft die heute bestehenden Barrieren gegenüber behinderten Menschen abbauen. Die Gesellschaft hat bisher die Welt der behinderten Menschen nicht verinnerlicht und verstanden. Hier muss mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. Wir müssen mehr miteinander reden und uns gegenseitig zuhören, um die Gesellschaft inklusiver und gerechter zu gestalten.

Wie beurteilen Sie die Behindertenpolitik der letzten Jahre? Und womit rechnen Sie in den nächsten Jahren? Wo liegen derzeit Ihre Arbeitsschwerpunkte im Beirat?

Die letzten Jahre waren geprägt durch den Versuch, die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) umzusetzen, was aber durch den Föderalismus in Deutschland sehr erschwert wurde. Die Bundesländer versuchen, jedes für sich, eine eigene Lösung zu basteln.

Die UN-BRK ist ein gut gedachtes Werk und stärkt die Rechte der Betroffenen –  wenn sie denn auch dementsprechend gehandhabt wird. Leider werden die einzelnen Artikel der Konvention nicht immer wirklich beachtet. Es gibt auch keine Sanktionen, wenn man die UN-BRK nicht einhält.

Das heißt auch, dass die Mitarbeitenden und rechtliche Betreuer*innen sich in den Artikeln auskennen müssen, um sie rechtmäßig anzuwenden. Ansonsten bleibt nur die Klage übrig, mit Hilfe von Verbänden und deren Rechtsanwälten.

Wichtige Ziele unserer Arbeit im Beirat sind kurzfristig die gesundheitlichen Forderungen, wie Assistenz im Krankenhaus – also die notwendige Begleitung zu erhalten und diese durch die Krankenkassen bzw. Leistungsträger zu finanzieren. Aber auch mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen auch auf dem 1. Arbeitsmarkt. Und weiterhin die Begleitung und Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG).

Welche Erwartungen haben Sie in diesem Zusammenhang an die Diakonie Deutschland? Wo wünschen Sie sich mehr oder eine andere Form der Unterstützung?

Die Unterstützung der Diakonie muss noch intensiver werden, wenn es um Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geht. Außerdem sollte die Diakonie sich dafür einsetzen, dass die Einrichtungen ausreichend Personal haben, um die Durchführung der vereinbarten Leistungen sicher zu stellen. Beides ist nur durch entsprechende finanzielle Mittel von Bund, Land und Kommune zu erreichen.

Im Großen und Ganzen ist der Einsatz der Diakonie, der diakonischen Einrichtungen und der diakonischen Verbände zu akzeptieren. In manchen Situationen, beispielsweise bei der Einforderung von Rechten für die beeinträchtigten Menschen gelingt das nicht immer, wie wir uns das vorstellen. Im Alltag betrifft dies zum Beispiel die Begleitung der Menschen bei Freizeitaktivitäten. Ein großes Thema ist die Unterstützung bei einem selbstbestimmten beruflichen Werdegang. Es kommt immer darauf an, die betroffenen Menschen, ihre Vertreter, auch die Angehörigen und Betreuer einzubeziehen.

Wie entwickeln sich aus Ihrer Sicht Solidarität und Hilfsbereitschaft?

Diejenigen, die sich für die behinderten Menschen einsetzen und deren Schwierigkeiten und Eigenheiten akzeptieren, solidarisieren sich mehr mit diesen Menschen und unterstützen diese auch. Ansonsten ist Solidarität und Hilfsbereitschaft oftmals ein Fremdwort.

Welche Rolle spielt freiwilliges Engagement für Menschen mit Behinderung – und welche Rolle soll/wird sie künftig spielen?

Freiwilliges Engagement wird in Zukunft immer mehr Bedeutung erhalten. Die UN-Behindertenrechtskonvention regelt eigentlich vieles im Interesse von Menschen mit Behinderung. Aber das setzt voraus, dass sie dann auch dementsprechend angewendet wird. Leider ist damit vieles noch im Argen. Es gibt in dieser Beziehung noch viel zu tun. Deshalb glaube ich, dass in Zukunft freiwilliges Engagement mehr gefordert ist. Wir müssen mehr Unterstützer*innen für die Rechte von Menschen mit Behinderung finden.

Was wünschen Sie sich von der Kirche? Was erwarten Sie?

Die Kirche sollte sich ihrer eigentlichen Aufgabe wieder bewusstwerden. Sie sollte die sozial schwachen Menschen, zu den auch beeinträchtigte Menschen gehören, wieder mehr im Auge haben und dort wo notwendig auch für sie eintreten. Es fehlen in der heutigen Zeit die früheren Gemeindeschwestern. Und mehr Aufklärung auch in einfacher Sprache!

Nehmen Sie das evangelische Profil der Diakonie wahr?

Die Diakonie hat aus meiner Sicht die Aufgabe für Menschen einzutreten, die nicht selbst für sich sprechen und handeln können.

Vielen Dank für das Gespräch!


Marion Linder ist Vorsitzende des Beirats der Angehörigen und gesetzlichen Betreuer/innen im Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BAB im BeB).

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