„Menschen mit Einschränkungen sollten von ihrem Arbeitslohn ihr Leben bestreiten können.“

Interview mit Karsten Isaack, Vorsitzender des Beirats der Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung des BeB

Herr Isaack, unser Leben hat sich durch Corona stark verändert. Wenn Sie in Ihr persönliches oder berufliches Umfeld schauen: Welches sind da aktuell die größten, bedeutsamsten Veränderungen?

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In beiden Bereichen hat sich das Verhalten der Menschen stark verändert, viele sind sehr verunsichert und nervös. Viele haben Angst, dass der Betrieb diese schwere Zeit nicht überstehen könnte. Im Privaten hat sich der Alltag sehr verändert: Man kann seinen Hobbys nicht mehr richtig nachgehen, wie ins Sportcenter oder nach dem Einkaufen mal gemütlich mit Freunden ein Eis essen gehen. Das fehlt mir sehr. Man wird teilweise träge.

Welches Thema brennt Ihnen aktuell am stärksten unter den Nägeln?

Mich beschäftigt, dass viele Politiker gerade in der Corona Zeit, die Eingliederungshilfe zwar nicht vergessen, aber man etwas sich selbst überlassen wird. Sie formulieren es immer so, dass es bei einem selbst liegt, ob man zur Arbeit geht oder nicht. Oder was besonders schlimm ist: In den Werkstätten gibt es keine klaren Regelungen bei den Tests, Urlaub und Geldern. In den Betrieben haben auch viele Angst, dass der Betrieb diese schwere Zeit nicht überstehen könnte.

Wie soll die Gesellschaft in 10 Jahren aussehen? Welche Weichen müssten dafür gestellt werden? Was sind Hindernisse für eine solche Entwicklung?

Am besten lässt man Menschen mit Einschränkungen in allen Bereichen teilhaben. Dafür muss sich die Sichtweise bei allen Menschen ändern. Es fängt bei der Politik an und geht bis runter zum einfachen Menschen. Noch höre ich oft „Na, der mit dem Rolli kann das eh nicht.“ Dieser Gedanke muss raus aus den Köpfen der Menschen.

Was sind die kurz-, mittel- und langfristigen Ziele Ihrer Arbeit im Beirat?

Ich bin erst seit einem Jahr im Beirat, sehe aber schon jetzt, dass viele Dinge leider immer lange Zeit benötigen. Aber kurzfristig kann man die Politiker an ihre Pflichten erinnern und auffordern, Menschen mit Einschränkungen nicht zu vergessen. Langfristiges Ziel der Arbeit des Beirats ist, dass Menschen mit Einschränkungen, von ihrem Arbeitslohn ihr Leben bestreiten können und nicht ständig von Amt zu Amt müssen, um neue Anträge zu stellen. Weiterhin setzen wir uns dafür ein, dass sich die Wahrnehmung gegenüber Menschen mit Einschränkungen ändert: Dass man nicht in erster Linie sieht, was sie nicht können, sondern was sie alles noch können.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte sozialpolitische Herausforderung der nächsten Jahre?

Wir müssen es schaffen, dass die Menschen mit Beeinträchtigung gleichbehandelt werden und mehr in der Mitte der Gesellschaft stehen anstatt am Rande der Gesellschaft.

Die UN-Behindertenrechtskonvention stellt klar, dass Menschen mit Behinderungen ein uneingeschränktes und selbstverständliches Recht auf Teilhabe besitzen. Was sollte die Diakonie tun, um Menschen mit Behinderung bei der Durchsetzung ihrer Rechte zu unterstützen?

Die Diakonie sollte sich für mehr Mitbestimmung von Menschen mit Einschränkungen einsetzen. Auch wünsche ich mir eine bessere Vernetzung der Diakonie und der Beiräte der Menschen mit Behinderung.

Was wünschen Sie sich von der Kirche?

Dass sie weiterhin die Menschen unterstützt, die Hilfe benötigen. Ohne kirchliche Unterstützung wäre meine Mutter nicht mehr am Leben und ich nicht da, wo ich heute bin! Aber die Kirche muss auch den Leuten, welche Menschen betreuen, die sich nicht wehren können, auf die Finger sehen, dass die ihre Macht eben nicht missbrauchen, sei es nun in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder auch bei Kindern.

Was fällt Ihnen beim Thema Digitalisierung zuerst ein?

In vielen Einrichtungen, wo Menschen mit Einschränkungen wohnen oder arbeiten, müsste zur Unterstützung der Tätigkeiten mehr digitale Technik eingesetzt werden.

Ist Digitalisierung aus Ihrer Sicht hilfreich, um wichtige Probleme zu lösen?

Auf jeden Fall halte ich Digitalisierung für wichtig, aber nicht zum Lösen der Probleme, eher als Unterstützung auch für die Menschen, die für einen da sind, damit sie nicht mehr so viel Last haben.

Vielen Dank für das Gespräch!


Karsten Isaack ist Vorsitzender des Beirats der Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB) und Beschäftigter in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in Halle/Saale.


 

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