„Experten für das Miteinander“. Der Beitrag von Kirche und Diakonie zu Stadtplanung und -entwicklung.

Interview mit Julia Erdmann

Von Dr. Natascha Sasserath-Alberti & Heike Moerland am 14.04.2021

Frau Erdmann, vor einigen Jahren haben Sie die Firma JES gegründet. JE lässt sich ganz leicht erklären, Julia Erdmann. Wofür steht das S?

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Das S steht für ein Wort, das ich erfunden und gefunden habe. Das Wort heißt Socialtecture. Das ist die Kombination aus Social Life und Architecture. Es entspricht dem, was mich interessiert und was meiner Meinung nach in der Welt viel zu oft fehlt. Es geht darum, nicht nur das Bauliche zu betrachten, das -tecture, sondern auch gleichermaßen vom Leben her zu denken und einen Schwerpunkt auf das Zusammenleben zu setzen, auf das Social Life. Socialtecture verbindet beides miteinander.

Was sind aus Ihrer Sicht als Architektin und Stadtgestalterin die wesentlichen Zukunftsthemen im Hinblick auf Sozialraum und Stadtentwicklung?

Im Moment erleben wir eine Zeit des Umbruchs und der Beschleunigung von Themen. Aus dieser Perspektive bin ich auch froh über die Entwicklung im letzten Jahr. Wir sind jetzt - also durch Corona - wieder darauf zurückgeworfen, dass wir Menschen sind. Wir können alle ein Virus bekommen, und plötzlich hat auch unser menschliches Miteinander einen völlig anderen Schwerpunkt. Wir gehen dazu über, die Dinge nicht mehr nur ingenieursmäßig, planerisch, technisch, mechanisch zu betrachten, sondern menschlich. Ebenso wird dies in allen Zukunfts- und Stadtplanungsprozessen die Basis für einen Perspektivwechsel sein: Nach Jahrzehnten einer eher technischen Planung und Gestaltung der Welt diese nun auch menschlich und sozial zu gestalten.

Das betrifft dann alle Bereiche. Wenn wir uns zum Beispiel das Thema Bewegung anschauen: Wie bewegen wir uns durch die Stadt? Bisher wurde die Stadt immer nur vom Auto her geplant, also vom technischen Objekt. Es ging um die Straßen- und Verkehrsordnung, um Regeln. Aber jetzt stellt sich die Frage: Wie wollen wir uns eigentlich durch die Stadt bewegen? Wie kommen wir sowohl sicher als auch schnell durch die Stadt?

Oder das Thema Wohnen. Bisher sprachen wir immer nur davon, dass wir Wohnraum schaffen müssen. Das Quantitative stand im Vordergrund. Aber nun erfolgt ein Wechsel zum Qualitativen hin. Wir sprechen jetzt schon darüber: Wie müssen Wohnungen in Zukunft eigentlich aussehen, und was bieten die Wohnquartiere?

Arbeit ist ebenfalls ein großer Bereich. Bisher wurde Arbeit immer sehr technisch, sehr mechanisch verstanden. Jetzt sind wir jedoch an einen Punkt gekommen, an dem wir die Menschen und ihre Bedürfnisse in den Blick nehmen und beispielsweise fragen: Wie viel Büro brauchen wir eigentlich?

Deswegen bin ich sehr glücklich, diese Bewegungen zu beobachten. Sie sind zwar noch zarte Pflänzchen, aber sie sind da. Die Diskussion entwickelt sich in eine Richtung, in der wir die Welt jetzt vor allem von einer menschlichen Perspektive aus gestalten.

In der täglichen Arbeit mit benachteiligten Menschen nehmen wir wahr, dass es einen enormen Handlungsbedarf zur Schaffung inklusiven Wohnraums gibt, auch mit gemeinnützigen Angeboten im Quartier. Insofern bedeutet ein inklusives Quartier für uns dabei eine ganz bunte Durchmischung aller Gesellschaftsschichten?

Wie würde aus Ihrer Sicht ein Stadtentwicklungsprozess aussehen, in dem Menschen mit Benachteiligungen die Auftraggeber wären? Was wäre dabei anders als bei den Prozessen, die Sie im Moment begleiten?

Generell leben wir in einer Welt, in der Stadtplanung sehr exklusiv ist. Sie wird von einer gleichförmigen Gruppe von Planern und Entscheidern geprägt. Ihre Sichtweise auf die Welt ist leider sehr oft die von weißen, gesunden, nicht benachteiligten Männern. Sie planen und entscheiden die Dinge. Ich nenne diesen ganz schmalen Ausschnitt aus der Gesellschaft immer die Max-Mustermann-Perspektive. Der ganzheitliche Blick fehlt.

Deswegen ist es mir und allen, die mit mir bei JES arbeiten, ein Anliegen, das zu verändern. Wir wollen den Blick öffnen, weg von diesem kleinen Spektrum hin zu Perspektiven, die die Buntheit der Gesellschaft repräsentieren. Das tun wir – so gut wir es können – als diverse, inklusive Gruppe. Mit Leuten, die sehr unterschiedliche berufliche Hintergründe haben.

Die Prozesse unterscheiden sich zunächst dadurch, dass wir bewusst nicht auf den Status Quo und bestehende Standards schauen, sondern auf das Spektrum außerhalb dieses exklusiven Kreises. Wir versetzen uns besonders in die Lage derer, die später die Stadt und die Orte darin nutzen.

Denn das ist ja das Paradoxe: Jede Stadt ist immer für alle da. Wir alle leben in der Stadt oder in räumlichen Zusammenhängen. Insofern wird jeder Ort später von den unterschiedlichsten Menschen genutzt. Deswegen ist es uns ein Anliegen, sich schon in der Planung und Konzeptionierung in diese unterschiedlichen Perspektiven hineinzuversetzen: Wie wäre dieser Ort aus der Perspektive einer Person, die im Rollstuhl sitzt oder einen Kinderwagen schiebt? Oder einer Person, die vielleicht besonders klein ist, Kinder zum Beispiel, oder Personen, die besonders schlecht hören oder sehen können? Und so weiter.

Allein mit diesem Blick verändert sich natürlich das Ergebnis, weil all diese Anforderungen, die das Leben mit sich bringt, der Ausgangspunkt der Planung sind. Und dann kommt man automatisch zu anderen Ergebnissen. Ob das nun heißt, dass die Hauseingänge völlig anders gestaltet werden. Oder ob es dazu führt, dass Wohnungen plötzlich andere Arten von Zimmern haben oder ganz anders aufgeteilt sind. Es kann auch bedeuten, den Straßenraum zwischen den Gebäuden ganz anders und gerechter aufzuteilen.

Die Kraft der Empathie, sich in andere Situationen hineinzuversetzen, führt zu unglaublich anderen Ergebnissen. Man kümmert sich besonders gut um einen Ort, wenn man sich zuerst in die Personengruppen hineinversetzt, die es in irgendeiner Weise schwerhaben. Denn wenn ein Ort für diese Menschen funktioniert, dann funktioniert er für alle anderen auch. Also: Um Max Mustermann muss man sich keine Sorgen machen, für den passt es dann in jedem Fall.

Könnte es nicht teurer werden, wenn man diese Individualitäten mit plant? Oder ist das einfach nur eine andere Grundhaltung, die doch finanzierbar wäre?

Ich erlebe immer wieder, dass automatisch gedacht wird, dass es nicht wirtschaftlich sei, wenn man anders denkt. Wenn wir über Stadt oder über einen Ort nachdenken, dann ist es für uns die allererste Voraussetzung, Vorschläge zu machen, die dazu führen, dass dies ein lebendiger, hochfrequentierter, und auch ein wirtschaftlich erfolgreicher Ort wird.

Es gibt zwei Arten von Kosten. Bei der Planung gibt es zum einen um die Investitionskosten, die man tätigt, sobald etwas gebaut wird. Immer wieder stelle ich fest, dass es hier oft eine wahnsinnige Verschwendung von Geldern gibt. Es wird unnötig viel Material eingesetzt oder unnötig kostenintensiv gebaut. Manchmal muss man ein wenig mehr Zeit in die Planung stecken und ein paarmal mehr um die Ecke denken, kommt dann aber zu alternativen Lösungen, die dann wiederum zu weniger Baukosten führen. Das lässt sich sehr gut steuern.

Zum anderen sollten jedoch auch die ökonomischen Gesamtkosten berücksichtigt werden, also diejenigen Kosten, die von der Gesellschaft getragen werden. Wenn man zum Beispiel ein Quartier oder ein Gebäude erstellt, in dem die dort lebenden Menschen viel gesünder sind, weil sie sich sehr gut bewegen und aktiv sein können, dann spart das Gesundheitskosten. Es ist sehr wichtig, immer diese Gesamtrechnung im Blick zu haben und insgesamt dafür zu sorgen, dass eine Stadt sich gesund entwickelt. Es braucht eine gesunde Balance an Kosten und Nutzen.

Wie kann bei den Prozessen, die Sie begleiten, die Beteiligung derjenigen gewährleistet werden, die vor Ort leben und den Raum nachher nutzen wollen?

Das hängt ganz stark vom Engagement der Projektbeteiligten ab. In jedem Stadtentwicklungsprozess gibt es Player, die immer dabei sind: die Stadtplanung, die Geldgeber, die Planer. Sobald auch noch andere Gruppen in die Planung mit einbezogen werden sollen, muss sich jemand aktiv dafür einsetzen. Zum Glück wird das jetzt immer mehr gefordert. So werden beispielweise beim Schulbau nun stärker als früher die Lehrer und Schüler in den Prozess miteinbezogen. In Nachbarschaftsprozessen wird es immer üblicher, Menschen aus der vorhandenen Nachbarschaft mit einzubeziehen. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Diese gilt es aktiv zu unterstützen.

In unseren JES-Projekten haben wir sehr unterschiedliche Auftraggeber, und da sind es dann immer wir, die ganz bewusst sagen: Wir möchten auch diese und jene Leute mit dabeihaben, weil es wichtig ist, auch das Expertenwissen der Menschen vor Ort mit am Tisch zu haben.

Das leitet wunderbar zu unserer nächsten Frage über: Was können Kirche und Diakonie zur Gestaltung von Sozialräumen beitragen?

Ich glaube, Kirche und Diakonie können unglaublich viel beitragen, weil sie nämlich einen völlig anderen Blick auf Orte, Nachbarschaften oder Gemeinschaften haben. Und zwar genau den Blick, den die Immobilienwirtschaft, die Stadtplanung und die Architekten per se nicht haben. Den Blick auf das Zusammenleben. Kirche und Diakonie sind sozusagen Experten für das Miteinander, für das Zusammenleben, auch für das inklusive Zusammenleben. Dieser Blick fehlt in der aktuellen Stadtentwicklung – in der Immobilienentwicklung sowieso, aber auch in der Gestaltung der Quartiere.

Zum Abschluss noch eine Frage an Sie: Welche Hausaufgaben geben Sie Kirche und Diakonie beim Thema Wohnen und Sozialraumgestaltung mit?

Ja, ich möchte ihnen diese Hausaufgabe mitgeben: Gut zuhören und genau hinschauen ist wichtig, keine Frage. Aber werden Sie auch laut, mischen Sie sich ein! Bringen Sie Ihre Expertise des Zusammenlebens in den allgemeinen Diskurs ein! Seien Sie dabei, auf Stadtplanungskonferenzen, auf Immobilienkonferenzen, erheben Sie die Stimme und sprechen Sie für genau diejenigen, die im ganzen Planungsprozess sonst unsichtbar sind! Seien Sie die Anwälte für alle außer Max Mustermann!

Frau Erdmann, das war ein wunderbarer Schlusssatz. Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Interview.


 Julia Erdmann ist studierte Architektin und Stadtplanerin. Nach der Arbeit bei einem renommierten Hamburger Architekturbüro gründete sie 2017 das Unternehmen JES (Julia Erdmann Socialtecture). Gemeinsam mit ihrem JES-Team entwickelt Julia Erdmann ganzheitliche Lösungen für Orte, die den Menschen und seine sozialen Beziehungen in den Mittelpunkt des Bauens rücken. So entstehen Orte, Gebäude und Räume, die für alle ihre Nutzer*innen lebenswert sind.

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